Trotz allen Hürden zur Dissertation

Meine Eltern sind jugoslawische GastarbeiterInnen. Sie sie sind in den 70er Jahre nach Deutschland gekommen. Dort haben sie sich kennengelernt. Meine Mutter war geschieden und alleinerziehend, meinem Vater wurde abgeraten, sich eine Frau zu suchen, die schon ein Kind hat, da es gesellschaftlich sehr verpönt war. Meine Mutter war immer eine sehr zielstrebige, selbstständige und starke Persönlichkeit. Ihre Biographie berührt mich sehr, stimmt mich nachdenklich und traurig, hat aber auch gleichzeitig einen sehr bekräftigenden Effekt auf mich.

Mein Vater hatte Anfang der 80er Jahre, noch bevor meine ältere Schwester geboren wurde, einen Arbeitsunfall auf dem Bau. Da er kaum Deutsch sprach, fand er keinen anderen Job. Meine Mutter musste daher alleine die Familie versorgen. Im Grunde genommen ging es uns finanziell relativ ok. Trotz schlechten Jobs und einer Familie in Bosnien, die meine Eltern kontinuierlich finanziell unterstützten, da nach den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien alle unter enormer Armut litten. Ich bin auch damit aufgewachsen, mir mit mehreren Menschen einen Raum zu teilen, da wir vor allem Deserteure aus unserer Familie in Deutschland bei uns aufnahmen. Daher war es für mich schon als Kind selbstverständlich auf Dinge zu verzichten, die für andere Kinder in meinem Alter selbstverständlich waren. Für mich war die Lage im ehemaligen Jugoslawien schon als Kind relativ klar und daher auch die Notwendigkeit, etwas Geld an meine Verwandtschaft zu schicken. Mein Vater erkrankte an Krebs als ich 18 Jahre alt war. Da meine Mutter berufstätig war und meine ältere Schwester ca 400km weit weg wohnte und studierte, übernahm ich die Pflege, sowie regelmäßige Krankenhausbesuche mit meinem Vater. Meine schulischen Leistungen nahmen rapide ab. Gekümmert hat es kaum einen, außer meiner Religionslehrerin, die mir damals inoffiziell erlaubte ihren Unterricht zu schwänzen.

Ich war mit 18 überbelastet. Abitur, ein todkranker Vater, eine emotional überforderte Mutter und eine Schwester, die durch die Erkrankung unseres Vaters sehr erschüttert war und nicht wirklich realisierte, dass er nicht mehr gesund werden wird. Ich bin also davon ausgegangen, das Abitur nicht zu schaffen und plante schon den Schulwechsel, da ich auf meiner Schule unter keinen Umständen bleiben wollte (Rassismus und wie gesagt absolut keinerlei Unterstützung bezüglich meiner familiären Situation). Aber ich habe das Abi dann auf Grund einiger sehr guter Leistungen in den schriftlichen Prüfungen dann doch geschafft. Mein Vater verstarb ca. 3 Tage nach dem Abschlussfeiern (Abi-Ball usw.).

Noch bevor wir nach Bosnien gefahren sind, um ihn zu beerdigen, habe ich mich deutschlandweit an allen Unis beworben und mich bzgl. Studium beraten lassen. Ich wollte einfach weg und an die Uni. Gleich nach dem Umzug und dem Beginn des Studiums habe ich mir einen Job gesucht. Da die finanzielle Lage meiner Mutter nicht gut war und wir auf Grund der Beerdigungskosten pleite waren, suchte ich mir einen weiteren Job. So habe ich dann letztendlich sechs Jahre studiert: 20h arbeiten und in die Uni gehen, wenn ich nicht arbeiten musste. Es war ziemlich frustrierend. Trotzdem habe ich gute bis sehr gute Leistungen erbracht. Die Konsequenz war dann aber eine Depression. Ich war überbelastet und hatte den Tod meines Vaters sehr gut verdrängt. Das kam alles dann mit den Jahren hoch und ich habe ein Semester nicht studiert, sondern lag depressiv im Bett rum. Irgendwie wurde es dann besser, ich hab dann mein Studium abgeschlossen und nun promoviere ich. Ich bin relativ gut, in dem was ich tue, habe Stipendien und nehme regelmäßig an Tagungen als Referentin teil usw. Aber immer noch höre ich Sprüche, dass es überraschend sei, dass ich promoviere, da ich mich im Studium so schwer tat. Zudem die verwunderten Gesichter alter Kommilitoninnen, die irgendwie zwischen Neid und Verblüffung das Bild einer Gastarbeitertochter, die promoviert, nicht mit ihrer Realität vereinen können. Ich habe mich sehr lange für meine soziale Herkunft geschämt. Als Kind gelogen bezüglich den Berufen meiner Eltern, weil ich relativ schnell kapierte, was das im Grunde genommen heißt. Heute bin ich sauer und wütend über all die Hürden, die ich ohne Hilfe selbst bewältigen musste und die mir auf Grund sozialer Ungleichheit im Weg standen. Ich habe das Studium letztendlich erfolgreich abgeschlossen und auch mit der Diss läuft es gut. Nur manchmal frage ich mich schon, wie es wohl gewesen wäre, ohne finanzielle Ängste studiert zu haben und sich ausschließlich darauf fokussieren zu können. Sicherlich eine schöne Erfahrung.

Darija D.