Allen Unkenrufen zum Trotz

Kraftvoll in Erinnerung geblieben ist mir auch nach über zehn Jahren eine Szene, die sich kurz nach meinem Realschulabschluss abgespielt hat. Noch vor der obligatorischen Abschlussfeier traf sich unsere nun bald ehemalige Schulklasse in einem kleinen Dorf bei Goslar zum Grillen; die Eltern einer Mitschülerin hatten eingeladen. Bei strahlendem Sonnenschein und gelockerter Stimmung saßen wir zusammen, aßen Bratwürste, tranken Bier und unterhielten uns. Zukunftsthemen standen dabei natürlich im Vordergrund: Der eine freut sich auf seine Ausbildung als Tischler, um später den Familienbetrieb übernehmen zu können; die andere kann endlich die heiß ersehnte Ausbildung zur Lokführerin machen, während andere sich wiederum aufs Praktikum in der Industrie freuen, um später das Fachabitur ihr Eigen nennen zu können. All diese Gespräche wirkten auf mich befremdlich. Mit dem Gedanken, nun ins Berufsleben einzusteigen, konnte ich mich nicht recht anfreunden. Nicht, weil ich faul gewesen wäre oder keine Lust auf eine Ausbildung gehabt hätte. Meine Noten wurden mit den Jahren stetig besser, sodass es mir überraschend gelang, den „erweiterten Realschulabschluss“ abzulegen – ein sperriger Begriff, letztlich aber nichts anderes als der Fahrschein ins Gymnasium. Für den einen oder anderen Ausbildungsplatz hätte es sicher gereicht – ich wollte aber nicht. Weitermachen war mir lieber, weiter zur Schule, bis zum Abitur. Das erzählte ich an diesem Sommertag auch meinem Klassenlehrer. Ein überaus linker Typ, hochintelligent, im Umgang mit seinen Schülerinnen und Schülern ein unvergleichlicher Mensch, der für mich heimlich zum Vorbild wurde mit seinem Schwedenhaus, dem alten Volvo und den Anti-Atomkraft-Stickern. Nicht zuletzt er hat mich in der Schule immer gefördert und mir so zum guten Abschluss verholfen – und doch: das solle ich mir sehr gut überlegen, sagte er mir, so ein Abitur ist mit viel Fleiß verbunden und wenn man das überhaupt schaffe, solle man ja noch studieren, was eine viel größere Hürde ist. Er riet mir also ab vom Abitur; meinen Plan, vielleicht mal studieren zu wollen, hörte er sich schon gar nicht mehr an. Ich erinnere mich deshalb so gut an diese Situation, weil sie für mich ein regelrechter Schlag ins Gesicht war: Der, der dich so sehr gefördert hat, sagt dir, dass du an deine natürliche Grenze gekommen bist. Und natürlich, aus seiner Sicht mag das richtig sein: Mein Vater war Rentner, meine Mutter kam recht spät aus Polen nach Deutschland – beide konnten mir schon in der Realschule nicht so recht helfen und würden das erst recht nicht schaffen, wenn ich aufs Gymnasium gehe. Mein Vater war damals schon 79 Jahre alt, meine Mutter lebte in der nächstgelegenen Großstadt, um dort zu arbeiten und mich damit letztlich zu finanzieren. Für mich hieß es deshalb, sehr früh Verantwortung zu übernehmen: Fürs Geld, für den Abwasch, für den Haushalt und auch für den Vater, wenn er urplötzlich ins Krankenhaus kam. Und dann war da noch der Migrationshintergrund. Das bekommt man als Lehrer mit und lässt es sicher in seinen Standpunkt einfließen. Dennoch: Mich hat das damals getroffen, und auch heute erinnere ich mich häufig an diese Situation.

Ich ging allen Unkenrufen zum Trotz auf ein Wirtschaftsgymnasium, machte ein Einser-Abi und wollte studieren – musste mich wegen einer schwerwiegenden Erkrankung meines Vaters aber zunächst für eine Bankausbildung entscheiden. Damit kam ich nicht zurecht, wollte ich doch nun endlich an die Uni. Und doch, es ging nicht anders, es hätte finanziell nicht geklappt, zumal ich emotional zu beschäftigt mit der Demenzerkrankung meines Vaters war, die ihn schnell ins Pflegeheim führte. Zwei Jahre später hielt ich einen Ausbildungsabschluss in der Hand und entschied mich, endlich ein Studium aufzunehmen. Jura oder Psychologie sollte es werden; das war das Ergebnis langen Nachdenkens und Abwägens. Schon dieser Prozess war eine für mich nur schwer zu überwindende Hürde. Auf den Internetseiten der Universitäten finden sich zwar etliche Informationen und Unterlagen über die unüberschaubar große Zahl an Fächern und Fächerkombinationen. Allerdings ist Papier geduldig und geschriebener Text in der Regel schwarz-weiß, anders als das echte studentische Leben. Und so recht helfen konnte mir bei der Entscheidungsfindung keiner: Meine Mutter hat nie studiert, meine Schwester auch nicht und in meinem Freundeskreis gab es niemanden, der auch nur einen Gedanken daran verschwendet hätte, an die Uni zu gehen. Ich war also relativ einsam, wenn es um diese Frage ging. Hinzu kamen Finanzierungsfragen: Was tun ohne geregeltes Einkommen aus Vollzeitarbeit? Wie den Umzug finanzieren, wie das Leben in einer großen Stadt? Glücklicherweise half mir hier meine Mutter bis zum letzten Tag meines Studiums mit Geld aus und tat das immer auch gerne. Studienkredite und Bafög tun ihr Übriges, um denen zu helfen, die sich ein teures Studium aus der Barkasse nicht eben leisten können. Das aber ist eine Entscheidung, vor der man angesichts der Schulden, die auf diese Weise angehäuft werden, schnell zurückschreckt.

Trotzdem ging ich nach Berlin, entschied mich fürs Jurastudium, hatte viele Bücher gelesen, Studienführer gewälzt und Vorlesungen gesehen. Und erst jetzt wurde mir auch die Tragweite meiner Entscheidung bewusst: Allein in einer Großstadt unter etlichen Leuten, die ich nicht kenne. Ja, das gehört zur Herausforderung dazu – sich zurechtfinden, neue Leute kennenlernen, in einem anderen Umfeld leben und mit der Zeit erwachsenwerden. Doch die Schwere dieser Aufgabe – davon bin ich inzwischen fest überzeugt – variiert. Bei den obligatorischen „Ersti“-Veranstaltungen fand ich mich mit jungen Frauen und Männern in einer Gruppe, die allesamt aus Akademikerhaushalten stammten, von ihren Auslandsaufenthalten außerhalb Europas berichteten und sich über die Güte ihrer humanistischen Schulbildung nicht nur austauschten, sondern in einen regelrechten Überbietungswettbewerb eintraten. Auch das gehört zum gegenseitigen Abtasten dazu – dennoch konnte ich das unangenehme Gefühl, hierzu nichts beitragen zu können, nicht verdrängen. Diese Situationen häuften sich, ich kam mir fremd vor– und ging schließlich nicht mehr zu den so wichtigen Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften. Einige Monate später endete glücklicherweise auch diese Phase; unter anderem weil ich Freunde aus allen gesellschaftlichen Ebenen fand, mit denen ich mich austauschen konnte. Vor allem vorm Examen fand ich eine Lerngruppe, bei der fachlich und menschlich alles zusammenpasste. Soweit zu kommen, ist aber wesentlich schwieriger, als es in der Theorie klingen mag – dabei ist gerade der Austausch mit Menschen in derselben Situation ein Schlüssel fürs Studium, dass man weitgehend selbstständig betreibt. Die Noten wurden mit den Semestern besser und besser, ich fand mich immer weiter im studentischen Leben zurecht; geriet aber auch an Grenzen. Ich musste arbeiten, um mich zu finanzieren. So geht es wohl abertausend anderen Studentinnen und Studenten auf der Welt auch – es ist also etwas normales, gleichwohl etwas, was nicht optimal ist. Nebenjobs kosten Zeit, vor allem in lernintensiven Fächern wie der Rechtswissenschaft macht es das nicht einfacher. Und immer wieder tat sich diese unsichtbare Mauer auf: Wenn deine Mitstudentin oder dein Mitstudent mit dir ins Gespräch kommt, du von deinem Leben vorm Studium erzählst, nach außen hin Höflichkeiten austauschst und doch merkst, dass es da plötzlich keine Ebene mehr gibt. Es fühlt sich an, als gäbe es eine kaum zu überwindende Hierarchie; eine Hackordnung, zementiert wie im Hofstaat. Eine sehr gute Freundin gab mir damals gar zu verstehen, dass ich mein Abitur auf einer Schule gemacht hätte, an der es besonders leicht wäre, an den Abschluss zu kommen – und die gerade deshalb so viele Leute anlockt. So ein vermeintlich humorvoll gemeinter Spruch zeigt ohne jede Not ein so hohes Maß an Geringschätzung, dass es mich verletzt hat. Sowas passierte immer wieder und dürfte ein gehäuftes Phänomen im Jurastudium sein, dass insgesamt recht konservativ ist und mit seinen teuren Rahmenbedingungen nicht jeden anspricht.

Während ich im Studium erfolgreicher wurde, Anschluss fand und mich mit meinem Fach endlich stärker identifizieren konnte, fiel mir aber zunehmend ein anderes Phänomen auf: Dass der Entwurzelung. Zwar freuen sich alte Schulfreunde aus der Heimat über meinen Erfolg, doch merke ich trotzdem, dass die Gesprächsthemen schwinden, die Gespräche kürzer werden – da hat sich einiges auseinanderentwickelt, nicht zuletzt weil unsere Lebensrealitäten sich zunehmend unterscheiden. Ich merke, dass hier genau die Prozesse einsetzen, die es später den sg. „Arbeiterkindern“ schwermachen, ohne größere Zugangshürden ein Studium aufzunehmen. Und so sehr sich Mutter und Schwester über den Studienerfolg freuen: Was die Schwierigkeiten, die Herausforderungen sind, können sie (verständlicherweise) nicht nachvollziehen. Der so wichtige Ansprechpartner „Familie“ fällt weg.

Inzwischen habe ich mein Studium – mit einigen Semestern mehr auf dem Buckel, als in der Regelstudienzeit vorgesehen – beendet. Weniger erfolgreich, als ich es mir gewünscht hätte – doch aber solide. Ich habe einen Job, der mich ausfüllt und mehr erreicht, als ich es mir vor vielen Jahren hätte ausmalen können. Trotz aller Entbehrungen und Widrigkeiten bin ich darauf stolz. Das war es mir wert.

Wer in seiner Familie als erstes ein Studium aufnehmen will, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es gerade deshalb gewisse Hürden gibt. Zumindest was das Jurastudium angeht, scheint es, als wäre die soziale Durchlässigkeit nicht besonders groß. Ich finde es ehrlicher, dass schon vorab klar auszusprechen – darum schreibe ich darüber mehr, als über die vielen erfreulichen und erfüllenden Momente. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass mit viel Fleiß doch einiges zu schaffen ist und man sich auch im neuen Umfeld nach einer gewissen Zeit gut zurechtfinden kann. Die Möglichkeiten der Studienförderung sind zudem zwar ausbaufähig, aber vorhanden. Und es lohnt sich: Am Ende steht nicht nur der akademische Abschluss, sondern auch das befreiende Gefühl, sich trotz aller etwaigen Schwierigkeiten durchgebissen zu haben – von den deutlich besseren Zukunftsaussichten abgesehen. Wer auch immer mit dem Gedanken spielt, den Schritt an die Uni zu wagen, sich aber unsicher ist, sollte den Mut zusammenbringen und es probieren. Die gesammelten Erfahrungen nimmt einem später keiner mehr.

Meinen ehemaligen Klassenlehrer traf ich übrigens vor einiger Zeit wieder. Als ich ihm erzählte, dass ich nun fast fertig bin, arbeite und es doch geschafft habe, war er erstaunt. Diesmal traute ich mich zu fragen, was ihn daran so sehr überrasche. Ich hätte nicht die besten Ausgangsbedingungen gehabt, sagte er, andere seien in vergleichbaren Lagen gescheitert, das habe er in seiner Karriere als Lehrer schon erlebt. In meinem Fall hatte er sich getäuscht – Grund genug, anzustoßen.

Dennis A.