„Ich muss es allein schaffen“

Für mich hatte das Dasein als firstgen lange Zeit keine Bedeutung. Ich war mir dessen nicht richtig bewusst und es kam auch gegenüber meinen Kommiliton_innen nicht zur Sprache. Im Orchideen-Fach Archäologie ist die soziale Herkunft recht uninteressant. Es zählt vielmehr die Hingabe an ein Fach, bei dem man es nach dem Abschluss sehr schwer hat, einen Job zu finden. So haben viele meiner Kommiliton*innen zwar aus Interesse Archäologie studiert, dann aber nach dem Abschluss dennoch etwas ganz anderes gemacht. Viele konnten sich das leisten, wurden sie nach dem Studium weiterhin finanziell von ihren Eltern unterstützt. Für mich allerdings war es keine Option, von meiner alleinerziehenden Mutter finanziert zu werden. Zu Schulzeiten stand für mich außer Frage, dass ich aufgrund meiner sehr guten Leistungen auf die Uni gehen werde. Dort angekommen, lernte ich schnell allein zurecht zu kommen. Niemals hätte ich mich getraut habe mit Fragen zum Studium an andere heranzutreten. Dadurch grenzte ich mich zu Beginn meines Studiums von den anderen Student_innen ab und fiel auch in den Leistungen zurück, da ich nicht wusste, wie man z.B. wissenschaftliche Arbeiten schreibt. Jemanden um die Korrektur eines Textes zu bitten, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Erst viel später fiel mir auf, dass genau das für andere normal ist. Ich dachte immer, ich muss alles allein schaffen, wie ich es seit dem Tod meines Vaters gewohnt war. Bis heute habe ich niemanden getroffen, der – wie ich – als Halbwaise vom Dorf in einer der strukturschwächsten Regionen Deutschlands aufgewachsen ist und in einem Fach wie Archäologie promoviert. Vielleicht trauen sich das Einige deswegen nicht, weil sie keine größere Angst als die drohende Arbeitslosigkeit kennen. Damit komme ich zu der einzig schlechten Erfahrung, die ich während des Studiums machen musste: die ständige Abwertung mit Witzen und dummen Sprüchen gegenüber Harzt-IV-Empfängern. Möglicherweise resultiert das aus der großen Zukunftsangst der Menschen. Aus Erfahrung weiß ich, dass man sein Leben nicht von Ängsten bestimmen lassen kann. Heute bin ich dabei in der Archäologie ein Netzwerk aufzubauen. Früher war mir der Nutzen von Netzwerken nicht bewusst. Daher ist das Programm firstgen auch so wichtig, weil man Menschen kennenlernt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Man kann sich gegenseitig austauschen und unterstützen.

Julia P.