Zur Scham gibt es überhaupt keinen Grund

Der erste Tag an der Uni. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich mich dabei fühlte und welche Erwartungen und Träume mit dem Beginn meines Philosophie Studiums verbunden waren. Bewappnet mit Stift und Block saß ich um 9 Uhr 45 im Vorlesungssaal. Aufgeregt blickte ich mich im Saal um. Er war noch relativ leer, was ich seltsam fand, weil doch die Vorlesung um 10 Uhr beginnen sollte. Ich wartete bis sich die Plätze neben mir füllten und sprach eine Studentin an, die sich durch ihre Nervosität ebenfalls als „Ersti“ entpuppte. Sie wusste natürlich sofort, dass die Vorlesung c.t und nicht s.t. begann. Da sie es mit einer solchen Selbstverständlichkeit sagte, traute ich mich nicht zu fragen, was das jetzt eigentlich bedeutet. Das war einer der ersten Momente, in denen mir gezeigt wurde, dass das Studium eine andere Welt ist, mit anderen Regeln, die ich erst noch kennenlernen musste. Und das immer mit Bedacht darauf, mich nicht als Unwissende zu enttarnen, denn schließlich war ich noch nicht Teil der Akademiker-Welt.

Die Vorlesungen machten mir wahnsinnige Freude. Zugegeben, ich verstand nicht sofort was jetzt genau das Leib-Seele Problem ist oder was eine Entität ist, und die Zusammenhänge der Argumente begriff ich auch erst nach mehrmaligem Nachlesen – und ja, auch nächtlichem googeln. Aber dennoch war ich fasziniert von dem Wissen und den Themen mit denen man sich an der Universität beschäftigen konnte. Als anstrengend dagegen empfand ich die Gespräche vor und nach den Vorlesungen. Da wurde diskutiert, mit Wissen und Erklärungen geprahlt; ich stand daneben und war hin und hergerissen zwischen beeindruckt sein und genervt sein. Diese Art von Selbstpräsentation und Prahlen verstand ich nicht. Was hat Lernen und so-tun-als-ob-man-alles-wüsste miteinander zu tun? Irgendwann habe ich akzeptiert, dass dies eben dazugehört. Nur musste ich mir, im Vergleich zu meinen Kommiliton_innen, alles selbst aneignen. Die wussten nämlich schon von zu Hause wie das abläuft. In Akademiker-Familien wird am Esstisch über Politik diskutiert und die neusten Kunstausstellungen werden besprochen. Dort wurde quasi schon ein typischer Seminarablauf geübt. Das kannte ich auch bereits von Besuchen in solchen Familien. Da fühlte ich mich meist entblößt, weil ich von den diskutierten Künstler_innen oft noch nie etwas gehört hatte. Ich war latent überfordert, sollte gleichzeitig meine guten Tischmanieren zeigen, dem Gespräch folgen und mit der einen oder anderen Bemerkung wenigstens ein bisschen zu glänzen. Aber auch hier war ich hin und hergerissen. Irgendwie war ich schon ein bisschen neidisch, dass in meiner Familie lediglich der aktuelle Dorfklatsch besprochen wurde und unsere Bücherregale nicht Goethe, Schiller oder beeindruckende Bildbände aufweisen konnten.

Mit diesem ambivalenten Gefühl bestritt ich meine ersten Unijahre, bis ich dann endlich verstand, dass es keine Schande ist aus einem Nicht-Akademiker Haushalt zu kommen. Ganz im Gegenteil, denn ich bringe so viel mehr an Gespür für soziale Gerechtigkeit mit, mein Horizont ist ein bisschen weiter, weil ich beide Seiten kenne. Um nur einige der Vorteile zu nennen.

Natürlich gab und gibt es immer noch diese Leute an der Uni, die sich selbst über den Beruf der Eltern definieren, und somit andere danach urteilen. Anfangs hatte ich nicht das Selbstbewusstsein, um einfach drüber zu stehen. Ich schämte mich. Und dann schämte ich mich, dass ich mich überhaupt bezüglich meines „sozialen Hintergrundes“ schäme. Ich selbst hätte mir da nie so Gedanken gemacht, dass das anscheinend was nicht so „normales“ ist und ich eine Rarität an der Uni bin. Aber die Akademiker_innen finden das seltsam und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Deshalb wohl lieber erstmal nicht ansprechen oder ausgrenzen. Weil auch wir Nicht-Akademiker_innen es lieber nicht so offen ansprechen. Zur Scham gibt es überhaupt keinen Grund. Im Gegenteil, denn wir können doch nur alle voneinander profitieren. Das gehört doch zu einer akademischen Bildung dazu, sich gegenseitig kennenlernen, offen sein, zuhören und den anderen verstehen. Wir, die als erste/r studieren können damit anfangen.

Chris Kreuziger*

*Der Beitrag wurde unter einem Pseudonym verfasst.