Der Prinzensohn und der Bauernsohn haben eins gemeinsam

Als ich das Studium der Rechtswissenschaft in Berlin nach meinem Abitur aufnahm, kam es zu vielen Veränderungen. Neben neuen Räumlichkeiten und Lehrkräften gab es da natürlich auch viele neue Kommilitonen zum Kennenlernen. Gleich am ersten Tag lernte ich eine Gruppe sehr netter Kommilitonen kennen, zu denen ich auch heute noch Kontakt habe. Wir waren sehr motiviert mit dem Studium zu beginnen und standen gemeinsam vor einer großen Aufgabe. Meine Kommilitonen, so bemerkte ich mit der Zeit, hatten neben ihrer Zielstrebigkeit auch noch eine spezielle Eigenschaft, die ich so von meinen ehemaligen Klassenkameraden nicht kannte: sie sprachen gerne über ihre Eltern. Aus der ländlichen Region im Norden Deutschlands, aus der ich komme, spielten die Eltern im Dialog mit anderen Schülern eher eine untergeordnete Rolle. Jeder hatte sie (gezwungenermaßen) – sie waren halt da – und ein normaler Teil des alltäglichen Lebens. Nur durch engeren freundschaftlichen Kontakt erfuhr man, welche berufliche Tätigkeit die Eltern eines Freundes oder einer Freundin ausübten. Im Wesentlichen war das nicht relevant für die freundschaftliche Beziehung, bestand diese doch nur zu dem Freund, nicht hingegen zu dessen Eltern. Die Eltern meiner Klassenkameraden gehörten oft dem Mittelstand an, sie arbeiteten hart und ausdauernd, waren aber gleichsam fürsorgliche Eltern. Einige verfügten über einen universitären Abschluss, andere hingegen über eine Ausbildung. Ich trat ihnen mit Respekt entgegen. Abgesehen von der selten stattfindenden Schulversammlung waren die Eltern der Schüler, weitestgehend ohne Bedeutung. Selten wurden die Eltern im Pausengespräch erwähnt. Warum auch? Schließlich waren es doch immer die Schüler selbst, mit denen man sich unterhielt, mit denen man Sachen unternahm und mit denen man gemeinsam lernte. Am Ende eines jeden Schuljahres erhielt jeder Schüler für sich ein Zeugnis – unabhängig von seinen Eltern. So sah ich immer den  Menschen mir gegenüber als eine eigenständige Person, die selbst Sachen tut, und für sich selbst verantwortlich ist. Der andere war stets ein selbstständiges Individuum: was seine Eltern taten, spielte keine Rolle. Das veränderte sich nun an der Universität im Studium der Rechtswissenschaft. Ohne jemals selbst nach den Eltern meiner Kommilitonen gefragt zu haben, wusste ich im Laufe der Zeit ziemlich genau, wer welcher Beschäftigung nachging. Meine Kommilitonen schienen diese Informationen für durchaus bedeutsam zu halten. Zwei Kommilitonen haben Professoren als Eltern, einer einen Schulleiter, ein Vater arbeitet wohl in Japan für das Auswärtige  Amt, ein weiterer Vater war oft auf Geschäftsreise. Eine Kommilitonin schenkte ihrem Vater zu Weihnachten einen Likör, einen, „den auch die Geschäftspartner“ so standardmäßig als Festgabe überreichen würden. Von Eltern mit vermeintlich weniger interessanten Tätigkeiten wurde hingegen nur spärlich berichtet. Auch wenn ich immer die Auffassung vertreten habe, dass es im Studium nichts ausmachen kann, was die Eltern einer bestimmten Person machen, musste ich jetzt erfahren, dass dies in einem scheinbar neutralen Rahmen an der Universität für meine Kommilitonen von Bedeutung ist. Sie halten Ihre Eltern über sich wie ein Schutzschild. Eine neue und sehr interessante Erfahrung.

Der Aspekt „firstgen“ wird noch weiter zu erforschen sein. Ich interessiere mich für das Programm, weil ich in den ersten Wochen an der Universität oft alleine gelassen wurde. Alles dauerte fünfmal so lange, wie heute. In dieser Zeit hätte ich gerne eine Person mit Erfahrung an meiner Seite gehabt, die mir weiterhilft. Gerne möchte ich diese Person für Andere sein, und meine Hilfe im Gegenzug zu einem gegenseitigem Wissens- und Erfahrungsaustausch anbieten. Nach wie vor sehe ich dabei den Aspekt des „firstgen“ als zweitrangig. Die ersten Tage an der Universität sind – unabhängig von der (Aus)bildung der Eltern – für jeden von besonderer Vielfalt und diversen Eindrücken geprägt. Der Prinzensohn und der Bauernsohn haben eines gemeinsam: sie pflegen ohne Eltern zur Uni zu gehen.

Ricki Boja