Es kommt meist anders, als man denkt

Mir sind zur richtigen Zeit die richtigen Menschen in meinem Leben begegnet: Menschen, die mich ermutigt haben, die an mich geglaubt haben, die mir als Vorbilder dienten. Wenn du die Erste in deiner Familie bist, die studiert oder auch nur den Wunsch hegt zu studieren, dann hast du keine vertraute Person in deinem Umfeld, an der du dich orientieren kannst.

In der Schule habe ich keinerlei Unterstützung für meinen Traum vom Studium erfahren dürfen. Die Lehrer rieten mir von einem Studium ab; ich sollte mir realistische Ziele setzen und mich ihrer Meinung nach mit einer Ausbildung zufriedengeben. Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass ich mein Abitur überhaupt schaffen würde, denn meine Mutter sei Ausländerin, mein großer Bruder schon kein guter Schüler gewesen und mein Vater nur ein einfacher Angestellter. Aus diesem Grund habe ich nach meiner Mittleren Reife ein Jahr nach einer passenden Ausbildung gesucht. Allerdings hat mich kein Ausbildungsberuf wirklich interessiert. Alle Berufe, für die ich mich begeistern konnte, haben ein Studium erfordert. Ich beschloss zu versuchen, mein Abitur zu machen, bevor ich noch mehr Zeit verlieren würde.

Nach dem Abitur dachte ich, mir stünde die Welt offen. Der Tag, an dem ich mein Abitur bestanden hatte, war der schönste Tag meines Lebens. Für einen Moment habe ich sogar daran gedacht, im Ausland zu studieren. Ich war davon überzeugt, dass alles möglich sei, dass mir niemand mehr Steine in den Weg legen würde. Ich würde dazugehören, zu denen da oben, wie das bei uns da unten gesagt wurde. Ich hatte die Eintrittskarte. Hochschulzugangsberechtigung heißt das doch nicht ohne Grund. Studieren ist ein Privileg, es darf/kann eben nicht jeder studieren und ich durfte. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, es als das Normalste der Welt anzusehen. Für einige meiner Kommilitonen hingegen stellte sich nie die Frage, ob sie studieren sollten oder nicht.

Nach der ersten Euphorie kam ziemlich schnell die Ernüchterung. Ein Studium muss auch finanziert werden. Ein komplettes Auslandsstudium fiel also raus. Nach einiger Recherche hatte ich mir alles ganz genau überlegt. Ich wollte nichts falsch machen und hatte mich deshalb akribisch vorbereitet. Ich hatte mir eine WG und einen Nebenjob als Kellnerin in der Stadt besorgt, in der ich anfangen wollte zu studieren. Ich bin direkt nach dem Abitur umgezogen, hab noch bevor das Semester begonnen hat in meinem Nebenjob angefangen zu arbeiten, damit ich zu Studienbeginn schon eingearbeitet war. Ich konnte die Studien- und Prüfungsordnung auswendig. Ich wusste, in welchen Räumen welche Kurse stattfanden und war schon mal in dem Gebäude gewesen. Meinen BAföG-Antrag hatte ich sorgsam ausgefüllt und mir einen genauen Plan gemacht, wann ich welche Kurse besuchen würde und wo und wann ich ins Ausland fahren würde. Nämlich gar nicht. Zwei Semester gab ich mir. Sollte es nicht klappen, wäre das Thema Universität für mich erledigt. Ich hatte geplant Europäische Literatur zu studieren und nicht Rechtswissenschaften, denn ich wollte mir ein realistisches Ziel setzen.

Letztlich kam alles anders. In der Bar, in der ich gearbeitet habe, lernte ich einen Jurastudenten aus dem dritten Semester aus Bayreuth kennen. Wir haben uns die ganze Nacht über das Jurastudium unterhalten und diskutiert. Am Schluss fragte er mich, warum ich eigentlich nicht anfange Jura zu studieren? Ich habe ihm nicht gesagt, dass eine wie ich kein Jura studiert, es mir aber gedacht. Stattdessen habe ich eine Reihe von sehr fragwürdigen Ausreden erfunden in der Hoffnung, er würde sie nicht als solche entlarven. Zu Hause habe ich dann eine Pro- und Contra-Liste erstellt und auf der Contra-Liste stand am Schluss, nachdem ich ehrlich zu mir selbst war und alle fadenscheinigen Argumente gestrichen hatte, nur ein Wort. Angst!

Angst zu scheitern und ohne einen akademischen Abschluss dazustehen trotz Studium und mit einer Menge Schulden. Angst ist ein schlechter Ratgeber und so habe ich eine Woche später an einer kleinen Universität in Franken angefangen Rechtswissenschaften zu studieren. Ich hatte kein WG-Zimmer, keinen Nebenjob und keine Ahnung davon, was in der Studien- und Prüfungsordnung stand. Die Angstmacherei der Professoren traf mich vollkommen unvorbereitet und mit voller Wucht. Auch in dieser Zeit sind mir die richtigen Menschen begegnet.

Meine Freunde/Kommilitonen korrigieren meine Hausarbeiten und Seminararbeiten, geben mir Tipps und vermitteln mir Praktika oder Workshops. Ich profitiere teilweise von den Kontakten ihrer Akademiker-Eltern oder den Stiftungen, bei denen sie sind. Dass dieses Verhalten – vor allem im juristischen Bereich – nicht selbstverständlich ist, darüber bin ich mir sehr wohl bewusst und deshalb umso dankbarer. Auf mich allein gestellt wären mir bestimmte Türen vermutlich verschlossen geblieben oder ich hätte gar nicht erst von Ihnen erfahren.

Heute studiere ich an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ich habe die Hochschule gewechselt, ein Auslandsjahr absolviert und befinde mich in meiner Staatsexamensvorbereitung ohne kommerzielles Repetitorium. Ich gehe meinen eigenen Weg. Meine Naivität bzw. meine Unkenntnis hat mich oft in Situationen gebracht, aus denen ich zwar letztlich sehr viel gelernt habe, in die sich meine Kommilitonen aus akademischen Haushalten jedoch gar nicht erst hineinmanövriert hätten.

Finanziert habe ich mein Studium über Inlands-BAföG, Auslands-BAföG, meine Eltern, einen Nebenjob als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl und einen Studienkredit des Bundesverwaltungsamtes für Studenten, die sich in der Endphase ihres Studiums befinden, denn ich werde mein Studium nicht in der Regelstudienzeit abschließen und somit kein BAföG mehr erhalten.

Mein Vater, der zu 30 % behindert ist, trägt neben der Arbeit am Wochenende Zeitungen aus und meine Mutter arbeitet als Putzfrau. Sie machen das, um mir mein Studium zu ermöglichen, weil sie an mich glauben und weil sie mich lieben.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich für meine Eltern der schlauste Mensch der Welt bin. Wenn sie etwas nicht verstehen, dann werde ich konsultiert. Wenn ich es nicht weiß, dann weiß es niemand. Ich treffe in ihren Augen immer die richtige Entscheidung. Sollte das einmal nicht der Fall sein, dann hätte es niemanden gegeben, der es besser gemacht hätte. Dieses blinde Vertrauen, das meine Eltern in mich setzen, überfordert mich oft. Aus diesem Grund spreche ich mit meinen Eltern so gut wie nie über Probleme im Studium, denn am Schluss erscheinen mir die Probleme nur noch viel größer und unlösbarer als zuvor. Für meine Eltern gibt es nur eine Lösung: das Studium sein lassen und die Schulden zurückzahlen; einen normalen Job anfangen. Sie wissen, dass mich das nicht glücklich machen würde, aber sie wollen mich damit trösten, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich keinen akademischen Abschluss habe. Dessen bin ich mir bewusst, aber wenn ich keinen akademischen Abschluss habe, dann kann ich nicht das machen, was ich gerne mache. Es ist schön zu wissen, dass ich mich zu Hause auch ohne ein abgeschlossenes Studium noch blicken lassen kann.

Patricia