Besser später als nie

„Zu schlaue Frauen heiraten nicht.“ hörte ich von meinem Vater, als ich etwa 14 Jahre alt war. Dieser Satz hatte wohl nachhaltigen Einfluss auf mich, denn ich ließ mich überreden, nach dem Realschulabschluss eine Berufsausbildung zu absolvieren, anstatt meinem Wunsch zu folgen, Abitur zu machen. Weitere Argumente waren, dass ich dann mein eigenes Geld verdienen, insgesamt also unabhängiger sein würde. Und so begann ich im Sommer 2002, zwei Wochen nach meinem 16. Geburtstag, eine Berufsausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten in einer Berliner Kanzlei. Ich erinnere mich noch, wie ich nach meinem ersten Arbeitstag nach Hause kam und einfach nur geschockt war. Arbeitszeiten von 8 bis 17 Uhr sowie eine Fahrtzeit von je einer Stunde hin und zurück schränkten meine Freizeit auf ein absolutes Minimum ein, und das für eine Ausbildungsvergütung in Höhe von 323,52 € monatlich. Eine Wohnung mieten konnte ich damit nicht und Unabhängigkeit sieht irgendwie anders aus.

Fünfzehn Jahre später, im Sommer 2017, stehe ich kurz vor den schriftlichen Prüfungen zum ersten Staatsexamen in Rechtswissenschaften. Der Weg bis hierhin war nicht gerade einfach, aber vielleicht kann ich ihn gerade deshalb umso mehr schätzen. Die Kurzfassung: Realschulabschluss, Berufsausbildung, Vollzeitstelle, Arbeitslosigkeit, Erwachsenenbildung, Abitur, Studium. Keine Hochzeit.

In den ersten Semestern des Studiums konnte ich mich nicht so gut in den Uni-Alltag einleben. Vielleicht lag es am Altersunterschied zu meinen Kommiliton*Innen, vielleicht aber auch daran, dass ich mich nicht immer dazugehörig fühlte und bei vielen Dingen nicht richtig mitsprechen konnte oder auch wollte. Während einer der ersten Arbeitsgruppen saßen zwei Kommilitoninnen hinter mir, die über die Vor- und Nachteile darüber sprachen, noch „zu Hause“ zu wohnen. Eine der beiden brachte es dann auf den Punkt – sie sei noch gar nicht bereit, von zu Hause auszuziehen. Mama koche so gut und wasche immer ihre Wäsche, dadurch spare sie Zeit und müsse so etwas nicht selbst machen. Da sie hinter mir saßen, konnten sie mein Schmunzeln nicht sehen. Ich führte zu diesem Zeitpunkt schon lange meinen eigenen Haushalt, kochte und wusch meine Wäsche alleine, ging nebenbei arbeiten und war finanziell sowie in allen anderen Aspekten unabhängig von meiner Familie. Obwohl ich meine Unabhängigkeit sehr mag, lässt mich aber phasenweise der Gedanke nicht los, wie ungerecht es sich manchmal anfühlen kann, alles alleine bewerkstelligen zu müssen und nicht den Luxus zu haben, Unterstützung zu erfahren oder nicht arbeiten gehen zu müssen. Bis heute habe ich wenige Personen an der Universität kennengelernt, die nicht direkt im Anschluss an das Abitur oder ein daran anschließendes freiwilliges soziales Jahr anfingen zu studieren. Am Anfang des Studiums sprach ich nicht gerne über meinen persönlichen Werdegang oder meinen familiären Hintergrund. Wenn ich doch mal erwähnte, wie ich bis zum Studium gelangt bin, waren viele Personen sehr erstaunt und ich fühlte mich, als sei ich damit etwas zu exotisch. Nicht alle, aber viele Kommiliton*Innen stammen aus Akademikerfamilien. Ihre Eltern sind beispielsweise Mediziner*Innen, Jurist*Innen oder Sozialpädagog*Innen. Meine Mutter ist Hausmeisterin. Mein Vater Handwerker. Beide stammen nicht aus Deutschland. Sie kamen hierher als sie 19 bzw. 11 Jahre alt waren und absolvierten gar keinen bzw. den Hauptschulabschluss. Während andere Kommiliton*Innen ihre Eltern oder Geschwister fragen können, ob sie ihre Hausarbeit auf Fehler durchsehen können, ist der inhaltliche Teil meines Studiums nie Thema. Die häufigsten Fragen lauten „Wann bist du eigentlich fertig?“, „Wann verdienst du endlich wieder Geld?“ und „Nach dem ersten Examen ist dann aber Schluss, oder?“.

Den gefühlten Konflikt zwischen akademischer Laufbahn und meiner Familie werde ich vielleicht nie ganz zufriedenstellend lösen können. Während ich mich mit Kommiliton*Innen über die neuesten Gesetzgebungsvorlagen im Bundestag unterhalte und darüber streite, ob Gerichtsurteile zu politisch sind, spreche ich mit meiner Familie über Alltägliches, wie beispielsweise das Wetter oder welche Nachbarn in letzter Zeit besonders nett waren. Häufig fühlt es sich an, als würde man in zwei unterschiedlichen Welten leben. In der akademischen Welt auf der einen und in der Arbeiterwelt auf der anderen Seite. Wenn ich an meine Familie im Ausland denke, sind es sogar drei unterschiedliche Welten. Dieses Hin und Her zwischen den einzelnen Lebensbereichen ist nicht immer einfach und kostet häufig viel Kraft und Energie und ich habe dauerhaft das Gefühl, dass mindestens eine Welt immer zu kurz kommt.

Jedoch bin ich sehr dankbar für die Möglichkeit, überhaupt studieren zu können und hoffe, dass ich meine bisherige Laufbahn und meine Lebenserfahrungen in Zukunft noch stärker als Bereicherung wahrnehmen kann und es mir vielleicht doch irgendwann gelingt, alle Bereiche miteinander in Einklang zu bringen.

Ana-Marija B.