Im zweiten Anlauf den richtigen Weg gefunden

In der Schule hatte ich es immer ziemlich leicht – ich lernte gut und fleißig und am Ende stand ein sehr gutes Abitur. Nur was nun? In den letzten Jahren vor dem Abi hatte ich mir gedacht, ich sollte etwas studieren, was praktisch relevant war. Daher hatte ich vor, nach dem Abitur ein duales Studium zu machen in Internationaler Betriebswirtschaftslehre bei einem großen Autobauer in Süddeutschland. Ich glaube, meine Familie war damals recht stolz auf mich.

Wundersamerweise war sie aber noch stolzer, als ich mich kurz nach dem Abi entschied, das duale Studium gar nicht anzutreten, sondern stattdessen “richtig” zu studieren. Bei dieser Entscheidung haben mir Menschen geholfen, die mich unterstützen wollten, allen voran der Direktor meiner Schule. Bis heute bin ich ihm sehr dankbar. Aufgewachsen auf einem Hof mit mittelgroßer Gärtnerei kannte ich mich nicht aus in der akademischen Welt. Meine Eltern unterstützten mich stets, wo auch immer sie konnten, und tun das auch heute noch. Allerdings konnte mir keiner zu Hause sagen, was ein Studium bedeuten würde. Ich bin dankbar, dass ich das selbst herausfinden durfte, ohne große Erwartungen von zu Hause. Auch wenn das nicht immer leicht war, glaube ich, dass ich gerade daran gewachsen bin. Zuerst habe ich Politik- und Verwaltungswissenschaften an einer privaten Uni am Bodensee studiert. Hier wurde ich in einen neuen Kosmos geworfen. Viele Leute benutzten Begriffe, die ich nie gehört hatte, und viele waren sehr belesen. Das waren damals zwei Aspekte, die einschüchternd für mich waren. Mit der Zeit konnte ich aber sehen, dass es absolut in Ordnung war, genau so viel gelesen oder nicht gelesen zu haben, wie ich das eben hatte. In Diskussionen mit Kommiliton*innen war es anfangs schwer – die Argumente, mit denen ich zu Schulzeiten noch punkten konnte, zählten nicht mehr. Die Leute schienen wo ganz anders zu sein mit ihrem Denken. Doch mit der Zeit gab sich das – ohne, dass ich dafür viel tun musste. Ich hatte das Gefühl, je länger ich im universitären Kontext unterwegs war, umso einfacher wurde es, mich dort zu bewegen. Das passierte ganz automatisch.

Eine für mich sehr wichtige Erkenntnis hatte ich am Ende meines ersten Studiums, nach Abgabe meiner Bachelorarbeit. Ich hatte eigentlich vorgehabt, einen Master und Doktor im selben Bereich zu machen. Doch plötzlich wusste ich ganz instinktiv, dass das nicht der richtige Weg sein würde. Das war das erste mal, dass ich auf mein sogenanntes Bauchgefühl vertraut habe. Ich habe damals erkannt, dass ich mir selbst vertrauen konnte in meinen Entscheidungen. Bis dahin war ich eher danach gegangen, was andere für wichtig oder prestigeträchtig hielten – wenn alle das so dachten, dann musste schließlich etwas dran sein. Doch ich wusste auch, tief drinnen, dass Erfolg im Sinne eines perfekten Lebenslaufs nicht das war, was ich wollte. Diese Erkenntnis war vielleicht die wichtigste während meiner ganzen Studienzeit. Danach habe ich mich getraut, das zu tun, was sich richtig anfühlte: Ich ging nach Berlin und studierte noch einmal von vorne, und zwar Jura. Bis heute bin ich sehr glücklich mit dieser Entscheidung.

Ich wünsche allen Studierenden, egal ob mit FirstGen-Hintergrund oder ohne, dass sie den für sich besten Weg finden. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, dafür offen zu sein, dass dieser Weg nicht so aussehen muss, wie ursprünglich gedacht oder gewünscht. Manchmal können wir uns einfach nicht vorstellen, wie gut etwas ist, bis wir es ausprobiert haben.

Julia M.